Digitalwende im Verkehr beschleunigen

Der Think Tank Deutsches Verkehrsforum DVF hat in einem Positionspapier ein Maßnahmenpaket für eine Digitalwende im Verkehrsbereich erarbeitet und zur schnellen Umsetzung einen Digitalpakt für intelligente Mobilität gefordert. Es gehe darum, die Menschen bei der Digitalisierung des Verkehrs mitzunehmen, die bereits vorhandenen technischen Lösungen konsequent breit umzusetzen und einen modernen einheitlichen Rechtsrahmen zu schaffen.

„Die Digitalwende im Mobilitätssektor in Deutschland muss an Dynamik gewinnen. Wir brauchen nach den unzähligen Versuchs- und Pilotprojekten endlich eine Umsetzungskultur! Also schnellstens eine großflächige Anwendung der Digitalisierung bei allen Verkehrsträgern mit intelligenten Mobilitätslösungen, die auch der Allgemeinheit zugutekommen. Die technischen Lösungen sind da, setzen wir sie ein!“, äußerte sich DVF-Präsidiumsmitglied und Vorsitzende des Lenkungskreises Digitale Vernetzung Agnes Heftberger, Geschäftsführerin, VP Sales, IBM Global Markets, IBM Deutschland GmbH, anlässlich der Vorstellung des aktuellen DVF-Positionspapiers „Forderungen zu einem Digitalpakt intelligente Mobilität“.

Die Digitalisierung des Verkehrs sei nach den Worten von Heftberger einer der wichtigsten Bausteine, um die Mobilitätswende und die damit erhofften Klimaziele zu erreichen. Aber auch für den Wirtschafts- und Logistikstandort sei dies im Wettbewerb mit anderen Regionen überlebenswichtig. Dazu sei ein Digitalpakt für die Mobilität nötig, um in einer konzertierten Aktion die Akteure Wirtschaft, Wissenschaft, Bund, Länder und Kommunen ähnlich dem Hochschulpakt zusammenzubringen. Jedoch dürfe es hier nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleiben: „Wir haben viele smarte Unternehmen mit cleveren Lösungen in Deutschland und nutzen dieses Potenzial selten über die Pilot- oder Projektphase hinaus. Das muss sich ändern!“

„Für die kommende Bundesregierung muss eine durchgreifende Digitalisierung im Verkehrsbereich daher ganz oben auf der Agenda stehen und vor allem müssen die Maßnahmen mit mehr Tempo vorangetrieben werden. Neben der notwendigen Beseitigung der weißen Flecken ist auch die in jedem Bundesland unterschiedliche Auslegung der Datenschutzbestimmungen ein großes, aber leider nicht alleiniges Hemmnis. Nicht nur die Politik steht in der Verantwortung. Auch die Unternehmen der Mobilitätswirtschaft, Bau- und Technologiebranche sowie Telekommunikationsdienstleister müssen ihre Datenverfügbarkeit und Investitionen in IT und Personal erhöhen und die einzelnen Bausteine für intelligente Mobilität einsetzen“, so Heftberger weiter.

Eine zentrale Aufgabe des Digitalpaktes sei außerdem, die Menschen in ihren jeweiligen Rollen als Kundinnen und Kunden, Fahr-, Fluggäste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Verwaltungsangestellte sowie Entscheiderinnen und Entscheider einzubeziehen und ihnen die neuen digitalen Möglichkeiten und deren Mehrwert näher zu bringen. „Es geht nicht nur um eine finanzielle Anreizsetzung, sondern um einen leichten Zugang zu vernetzter Mobilität, zuverlässige Informationen und einfache mobile Zahlungsmöglichkeiten.“

Das DVF-Positionspapier zum Digitalpakt zeigt konkrete Maßnahmen bei vier wesentlichen Handlungsfeldern: Menschen – Technische Basis – Umsetzungskultur – Rechts- und Regulierungsrahmen.

  1. Menschen: Kunden, Fahr-, Fluggäste, Mitarbeiter, Verwaltungsangestellte und Entscheider müssen bei der Digitalisierung von Logistik und Mobilität mitgenommen werden unter Einbindung ihrer Nutzerbedürfnisse. So müssen Anwendern die neuen digitalen Möglichkeiten und deren Mehrwert durch Verkehrsunternehmen und die öffentliche Hand aktiv nähergebracht und die Datenkompetenz auch der Behörden erhöht werden, etwa durch Fortbildung. Zudem sollte eine vernetzte Mobilität durch Steuer- und Anreizrahmen erleichtert werden mit dem Ziel einer bürokratiearmen, barrierefreien Incentivierung durch den Arbeitgeber und die Mobilitätsunternehmen.
  2. Technische Basis: Die Grundfunktionalität muss vorhanden sein, das bedeutet Datennetz, Datenverfügbarkeit, intelligente Infrastruktur und Rechtsrahmen. Notwendig ist eine schnellere Beseitigung weißer Flecke im Datennetz (Netzkataster auf kommunaler Ebene einführen). Hier ist eine zentrale Koordination von Mobilfunk- und Glasfaserstrategie gefordert. Wichtig ist weiterhin die engagierte Begleitung des Bundes bei der Digitalen Schiene Deutschland (DSD), die Digitalisierung der Binnenschifffahrt und der Luftfahrt und eine passende Förderkulisse mit Finanzierung auch für den öffentlichen Personenverkehr.
  3. Umsetzungskultur: Identifizierung, Implementierung und schrittweise Erweiterung der vorhandenen Lösungen, z. B. Mautdaten für Mehrwertdienste wie Verkehrslenkung nutzbar machen. Notwendige Daten zum Aufbau, der Durchführung und Steuerung von innovativen Mobilitäts- und Logistikleistungen so zur Verfügung stellen (einheitliche Datenbasis), dass diese in Echtzeit für die Koordinierung intermodaler Verkehre nutzbar werden. Dazu müssen Datensilos geöffnet und vernetzt werden, die Datenbasis für Echtzeitdaten ausgeweitet sowie Datentransparenz und Vernetzung sichergestellt werden, etwa bei DELFI im ÖPNV oder Schaffung EU-weiter digitaler Logistikketten durch elektronischen Frachtbrief und eFreight für Steuern und Zölle.
  4. Rechts- und Regulierungsrahmen: Bestehender Rechtsrahmen muss angepasst werden. Vor allem hinsichtlich der Ausweisung und Nutzung von Testgebieten, Gewährleistung der Verkehrs- und Betriebssicherheit und Haftung. Auf Seiten der Behörden müssen Zulassungs- und Genehmigungsprozesse deutlich vereinfacht und beschleunigt werden. Ausschreibungen müssen innovationsfreundlicher gestaltet, die Zuständigkeiten der öffentlichen Hand gebündelt und ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden (z. B. städtische und ländliche Verkehrskonzepte zusammenführen und bei Infrastrukturausbau mitplanen). Weiterhin müssen Mehrfachregulierungen aufgelöst werden (z. B. Diskrepanz zwischen PSI-Richtlinie und EU Delegierte Verordnung), ein internationaler Rahmen für Automatisierung geschaffen und der Datenschutz praxisgerecht gestaltet werden.

Das DVF hat in Szenarien skizziert, was für die Nutzerinnen und Nutzer, Unternehmen und Behörden über die Digitalisierung der gesamten Mobilitätskette einschließlich Infrastruktur geleistet und verbessert wird:

  • Nahtloser Personenverkehr – Mobility as a Service: Den Nutzern eröffnet sich dadurch eine große Vielfalt an Mobilitätsmöglichkeiten vom Mietrad bis zum Zug. Dabei ist das Smartphone der Zündschlüssel. Hierüber wird informiert, gebucht und bezahlt für den gewünschten und passen Verkehrsmittelmix. Auch der Individualverkehr wird mit den anderen Verkehrsmitteln vernetzt und mittels Routen, Parkraum und CO2-Fußabdruck in die Fahrentscheidung integriert.
  • Vernetzte Logistik – bedarfsgerechte Lieferung: Schon heute glätten Logistikdienstleister den Transportvorgang so, dass Übergänge und Umschläge für Verlader und Endkunden nicht spürbar sind. Die intermodale Nutzung der Verkehrsträger Straße, Schiene, Wasser und Luft wird durch digitale Anwendungen entsprechend ihrer Stärken noch besser miteinander kombiniert. Voraussetzung: Hohe Transparenz über Verkehrsmengen, deren Relationen, Umschlagaufwand und Verfügbarkeit etc. Dadurch ist eine sehr viel höhere Auslastung im Güterverkehr möglich. Die vollständige Synchronisation zwischen den Logistikpartner und Behörden ermöglicht vollautomatisierte Prozesse von der Reservierung des Schiffsliegeplatzes über die Zollabwicklung bis hin zur Verladung auf Zug oder Lkw.
  • Automatisierter Betrieb – optimierte, vorausschauende Wartung: Die Verkehrsmittel werden in optimaler Geschwindigkeit mit optimalem Abstand zueinander unterwegs sein. Assistenzsysteme übernehmen die Kontrolle, die Arbeitsplätze werden aufgewertet. KI-Systeme leiten rechtzeitig Instandhaltungsmaßnahmen, so dass die Lebensdauer von Infrastruktur und Verkehrsmittel erhöht wird. Dadurch werden Ausfallzeiten minimiert und Ersatzteile rechtzeitig bestellt.
  • Intelligente Infrastruktur – digitalisierte Planung: Eine übergeordnete Leit- und Sicherungstechnik schafft mehr Kapazität und höhere Sicherheit. Auf der Schiene mit ETCS und CBTC (für Nahverkehr), bei der Binnenschifffahrt mit RIS und in der Luft mit SESAR. Digitale Verkehrssignale steuern den Straßenverkehr, zeigen Lkw-Parkplätze an und optimieren diese.

Quelle und Foto: DVF




Jahrhundertchance für Hamburg und Norddeutschland

Das Bundesverkehrsministerium, die Stadt Hamburg und die Deutsche Bahn bringen eine Machbarkeitsstudie für eine Kapazitätserweiterung der Norderelbbrücke auf den Weg. Ziel der Prüfung ist die Machbarkeit der Kapazitätserweiterung der Norder- und Süderelbbrücke (Strecke Hamburg HBF – Hamburg-Harburg), um auf diese Weise einen zentralen Engpass im deutschen Schienenverkehr zu beseitigen.

Eine ohnehin anstehende Sanierung der Fernbahnbrücken könnte – bei einer erfolgreichen Machbarkeitsstudie und wenn der zusätzliche Bedarf festgestellt wird – mit dem Bau zweier zusätzlicher Gleise verbunden werden. Es wäre die erste Kapazitätserweiterung der Fernbahn in Hamburg über die Elbe seit fast 100 Jahren. Aktuell verengen sich die vier Gleise vom Hauptbahnhof und zwei Gleise aus Richtung Rothenburgsort im Bereich zwischen den beiden U- und S-Bahn-Stationen Elbbrücken zu vier Gleisen und bilden südlich des Hauptbahnhofs einen „Flaschenhals“ auf der Schiene.

„Mit der anstehenden Neuplanung der Norder- und Süderelbbrücken und der damit verbundenen Machbarkeitsstudie wollen wir eine Jahrhundert-Chance prüfen, ob die Schienenkapazität an einem echten Engpass für ganz Norddeutschland dauerhaft erweitert werden kann. Sechs statt vier Gleise über die Norderelbe für den Fern-, Regional und Güterverkehr wären ein echter Schub für die Mobilitätswende in Hamburg, die Region, aber auch für den Deutschland-Takt insgesamt. Es ist ein wichtiger Schritt, dass Bund, Bahn und Hamburg jetzt gemeinsam schauen wollen, ob und wenn ja wie wir diese große Chance ergreifen und umsetzen können. Wir werden diese Schritte eng und partnerschaftlich mit dem Land Niedersachsen abstimmen“, sagt Anjes Tjarks, Senator für Verkehr und Mobilitätswende.

Und weiter: „Die Stadt Hamburg ist dafür jetzt einen wichtigen Schritt gegangen: Wir haben beschlossen, die anstehende Sanierung der Freihafenelbbrücke zu verschieben, um den notwendigen Platz für die Realisierung einer weiteren Brücke über die Elbe nicht zu verbauen. Die Behörde für Verkehr und Mobilitätswende hat zudem eine Arbeitsgemeinschaft Elbbrücken ins Leben gerufen, um die komplizierten Prozesse der Neuplanung der Fernbahnbrücken, der Sanierung der Freihafenelbbrücke, des Neubaus der U-Bahnbrücke auf den Grasbrook sowie die Neubauten der A1 Norder- und Süderelbbrücken besser zu synchronisieren, die Chancen zu nutzen und die Auswirkungen zu minimieren. Zudem sind hier die diversen Belange der Stadtentwicklung auf dem Grasbrook, der Bau des Elbtowers und die stadtbildprägende Funktion der Brücken zu berücksichtigen. Ich bedanke mich bei allen Partnern für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.“

Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur: „Die von DB Netz AG und Hamburg vorgeschlagene Kapazitätserweiterung der Norder- und Süderelbbrücke (Strecke Hamburg-Harburg – Hamburg Hbf) sind neue Projekte und daher im aktuellen Bedarfsplan für die Bundesschienenwege nicht enthalten.
Um die verkehrliche Sinnhaftigkeit einer Kapazitätserweiterung des Knotens Hamburg strategisch zu beurteilen, wird das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen einer Machbarkeitsstudie neben einer weiteren westlichen Elbquerung in Hamburg auch die Variante eines Kapazitätsausbaus der Bestandsstrecke, insbesondere der Elbbrücken, betrachten. Die Arbeiten an der Studie sollen noch in diesem Jahr beginnen. Erste Ergebnisse sollen 2022 vorliegen. Sollte sich im Ergebnis der gesetzlich vorgeschriebenen nun anstehenden Bedarfsplanüberprüfung (BPÜ) vor dem Hintergrund einer neuen Verkehrsprognose zusätzlicher Ausbaubedarf abzeichnen, können unter Berücksichtigung der Studienergebnisse die ggf. erforderlichen kapazitativen Maßnahmen im Knoten Hamburg bewertet und bei positivem Ergebnis in den Bedarfsplan aufgenommen werden. Wir streben an, die Untersuchungen zur BPÜ im Jahr 2023 abzuschließen.“

Manuela Herbort, Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn AG für Hamburg und Schleswig-Holstein: „Die verkehrlichen Anforderungen an den Knoten Hamburg und auf die Verbindungen zwischen Hamburg und den angrenzenden Bundesländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen werden steigen. Die Engpassbeseitigung würde sich sehr positiv auf den Bahnverkehr im Norden auswirken und somit mehr Verkehr auf der umweltfreundlichen Schiene zulassen. Daher ist die Machbarkeitsstudie für die Kapazitätserweiterung über die Norderelbe der richtige Schritt.“
Auf der Norderlebbrücke besteht aktuell ein großer Engpass. Schon der Fahrplan 2020 ergab hier eine Überlastung des Streckenabschnitts und damit auch der Brücke. Die vorhandenen Engpässe führen in der Praxis dazu, dass zwischen Hauptbahnhof und Harburg teilweise keine freien Fahrbahntrassen mehr verfügbar sind. Die daraus resultierenden Einschränkungen wirken sich zeitweise negativ auf das gesamte Schienennetz aus. Auch für die Umsetzung der Mobilitätswende und des Deutschland-Taktes ist deshalb eine deutliche Steigerung der Kapazitäten nötig.
Um die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie abwarten zu können, hat der Hamburger Senat entschieden, die Vergabe für die geplante Sanierung der Freihafenelbbrücke vorerst zurückzustellen.

Quelle: Behörde für Verkehr und Mobilitätswende, Foto: HHM / Hasenpusch Productions